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Gedanken zur Digitalisierung und zum Datenschutz

In jeder Technik liegen weder Heil noch Unheil, entscheidend ist die Frage der Kultur, also wie wir damit umgehen, letztlich was wir wollen. Datenspeicherung z.B. von Patienten ist ein hohes schützenswertes Gut ausschließlich zum Nutzen der Betroffenen selbst.

Unsere kapitalistische Gesellschaft suggeriert uns, dass unser Ziel Effizienz und Vermehrung von Geld sind und dass der Wert eines Menschen abhängig ist von seiner Arbeitsleistung und seinem Verdienst. Der Kapitalismus nivelliert alle Werte auf einen einzigen Wert: Geld – sogar Zeit wird zu Geld. Das ist kein Naturgesetz!

Die Digitalisierung hat uns entwickelt zum Prosumenten, also Kombi aus Konsument und Produzent. Wir buchen Reisen selbst am PC, checken am Flughafen per Smartphone ein, bestellen im Internet....

Wo immer jemand in Zukunft auf die Rückseite eines Flachbildschirmes guckt, auf dessen Vorderseite jemand sitzt, der etwas ausführt, was man selbst kann, verschwindet dessen Berufsprofil. „Flachschirmbildrückseitenberatungsjobs“ sterben aus.

Das ist eine globale Entwicklung und keine Entscheidung einer Regierung. In 20 Jahren werden in Deutschland voraussichtlich die Hälfte der Arbeitsplätze entfallen durch Roboter und 3-D-Drucker in Fertigungen, selbstfahrende Autos, Drohnen für Zustellungen ... und uns als Prosumenten.

Aber Vorsicht: Digitalisieren quantifiziert. Ein Computer erstellt Statistiken auf Grund gefütterter Daten, was für ein bewiesenes Ergebnis gehalten wird.... es wird eine Software geschrieben (von einem der sich inhaltlich mit dem betreffenden Thema nicht auskennt)....Daten werden eingegeben....es kommt etwas heraus....alle halten es für ein wahrhaftiges Ergebnis.

Nicht Qualität zählt hier, sondern Quantität. Qualität ist ein mühseliger Prozess zur Urteilsbildung durch menschlichen Verstand. Quantität dagegen lässt sich auf Knopfdruck erzeugen und wird erhoben auf eine Pseudoqualität basierend auf Zahlen, die durch einen meist ökonomisch orientierten Filter gelaufen sind. So werden aus Kenntnissen scheinbar Erkenntnisse gemacht.

Die Quantität wird zum „Beweis“ genommen um Qualität vor zu täuschen, z.B. damit nicht die finanzielle Motivation als unethisch entlarvt wird.

„Die messbare Seite der Welt ist nicht die Welt. Es ist die messbare Seite der Welt“ (Martin Seel)

Netzwerksegen?

Geschäfte über eine Plattform im Internet zu machen erzeugt keinen Mehrwert. eBay hat in Deutschland 3 Milliarden Umsatz/Jahr bei 80 Beschäftigten. YouTube macht 3.5 Milliarden $ Gewinn/Jahr bei weltweit 800 Mitarbeitern. Google kam Anfang 2018 auf eine Marktkapitalisierung von 766,4 Mrd.$ bei 85.000 Mitarbeitern.

Was haben eBay, Google und YouTube erzeugt? Nichts! Sie haben Dinge verknüpft, haben selbst jedoch keinerlei Inhalt. Ihr Wert ist rein fiktiv und kann morgen gleich null sein, wenn die Massen sich von einem anderen Netzwerk bespaßen lassen wollen oder das Ausspionieren ihrer Daten nicht mehr wollen.

Topmanager von Google Eric Schmidt: Wir wissen wo Du bist. Wir wissen wo Du warst. Wir wissen mehr oder weniger worüber du nachdenkst. Wenn es etwas gibt, von dem du nicht willst, dass es jemand erfährt, solltest du es ohnehin lieber lassen.

Für unsere Gesellschaft ist es jedoch von unschätzbarem Wert nicht alles über jeden Menschen zu wissen. Komplette Transparenz führt zu Unfrieden.

Eine Gesellschaft, die jede Verhaltensabweichung aufdeckte, würde zugleich die Geltung ihrer Normen ruinieren. Denn wenn alles öffentlich wird, würden die Menschen nicht anständiger. Vielmehr würden Normen über kurz oder lang alle Geltung verlieren, da sie ohnehin niemand hundertprozentig einhalten kann.

Normen sind Regeln, die unser Leben erleichtern sollen. Jede dieser Regeln soll einen Konflikt vorbeugen. Die Frage ist nur: Wenn man jeden Konflikt vorbeugt, wie viel Spaß macht dann noch das Leben?

Intransparenz im menschlichen Verhalten, Grauzonen und die Möglichkeit, gegen Regeln und Normen zu verstoßen, sind elementare Bestandteile menschlicher Freiheit.

Der Marketingdienstleiter ACXIOM besitzt präzise Daten über 96% der Amerikaner und 44 Millionen Deutsche, genau gelistet hinsichtlich Beruf, Status, Neigungen, Konsumverhalten...

Woher kommen die Informationen? Verkauft von Google, WhatsApp, Facebook... gegen viel Honorar. Wir geben Informationen über uns kostenfrei ab, die für viel Geld an Dritte verkauft werden, die dann via Werbung usw. uns das Geld aus der Tasche ziehen.

Also lieber die Suchmaschine Qwant nutzen, die keine Daten speichert oder weitergibt und laut FAZ Test genauso gute Trefferergebnisse hat wie Google. Ich finde sie etwas schlechter, aber wenn immer mehr Menschen diese Suchmanschine nutzen, kann sie immer besser entwickelt werden.

Im Grunde sollte der Staat eine Internetplattform, E-Mail-Netz, alle sozialen Netzwerke zur Verfügung stellen, wo dann der gesetzliche Datenschutz tatsächlich zur Anwendung kommt. Dieses ist eine staatliche Aufgabe, wie Bau und Erhalt unseres Straßennetzes.

Es ist ein Anschlag auf die Kultur des Vertrauens in unserer Gesellschaft, wenn man weiß, dass es legal ist, dass Unbekannte uns ausspionieren und diese Informationen meistbietend verkaufen.

Unsere Wirtschaft setzt auf beschleunigten Wandel. Sie erklärt das Werden zum Kult auf Kosten des Seins. Althergebrachtes ist anrüchig, weil es alt ist. Aus der Bedarfsdeckungsgesellschaft ist eine Bedarfsweckungsgesellschaft geworden und das Glück liegt immer in der Zukunft. Das verheißt uns die Werbung ständig.

Der Kunde will alles, und zwar sofort. Er ist faul und ungeduldig. Was er hat reicht ihm nicht, was er nicht hat will er.

Und das in einer Überflussgesellschaft wie der unseren. Dankbarkeit und Muße sind abhanden gekommen. Das erzeugt in uns eine Spannung und Entfremdung, Depressionen werden immer häufiger. Viele glauben, dass sie ohne gute Ausbildung und ohne Arbeit schnell Geld verdienen können und/oder berühmt werden. Das ist die Pseudophilosophie von „Deutschland sucht den Superstar“, hat aber mit realem Leben nichts zu tun.

Utopie der Menschlichkeit

Autonomie bewahren; Dinge selbst können, handwerklich, moralisch. Kreativ sein, selbst etwas realisieren, was man aus tiefem Inneren will. Ein Leben nur aus schönen Tagen ist wahrscheinlich nicht sehr lebenswert und würde im Überdruss enden.

Was machen bei Volldigitalisierung?

Durch Digitalisierung entfallen Berufe, die durch Technik ersetzt werden können. Übrig bleiben Berufe bei denen Empathie gefordert ist, wo sich ein Mensch um einen anderen im weitesten Sinne kümmert.

Die Arbeitslosenzahlen werden dramatisch steigen. Schon jetzt haben nur noch 53% der Beschäftigten in Deutschland Arbeit, die nach Tarif bezahlt wird.

Unsere Regierung setzt immer noch auf

  • Vollbeschäftigung (obwohl hohe Arbeitslosenzahlen für die Zukunft unbestritten sind),
  • Wirtschaftswachstum (obwohl jeder weiß, dass das nicht grenzenlos möglich ist)
  • Ausbeutung von Ressourcen (obwohl die letzte Zeche in diesen Wochen schließt, die Stahlkocher eingestellt wurden, Bodenschätze grundsätzlich endlich sind)

Regionen in Südostasien haben in den letzten Jahren billiger für uns produziert. Jetzt kommen die Firmen zur Produktion wieder zurück nach Deutschland, da die Roboter hier günstiger produzieren als es die Menschen in Asien können, bringt aber kaum neue Arbeitsplätze bei uns und Arbeitslose in Asien.

Die Zukunft kommt nicht, sie wird von uns gemacht. Die Digitalisierung bringt revolutionäre Veränderungen, die weder gut noch schlecht sind, wir können entscheiden wie wir (damit) leben wollen.

Für mich gehören dazu:

  • als Suchmaschine qwant.com da darüber keine Daten abgeschöpft werden wie bei Google
  • statt WhatsApp lieber Threema (kostet € 3,50) ist verschlüsselt und macht keine Datenspur
  • E-Mails nur verschlüsselt
  • meine Daten gehören mir und ich gebe sie nicht ungefragt weiter
  • kein Google, kein Facebook, kein WhatsApp
  • Netzwerke und Suchmaschinen gehören in staatliche Hand in kontrolliertem Rechtsraum
  • möglichst Verzicht auf Internetkauf
  • Ende des Kapitalismus. Geld ist nicht das höchste Gut. Das Bruttosozialprodukt sollte in Glück und Zufriedenheit aller gemessen werden
  • Berufe mit Empathie ausführen/unterstützen
  • Politik unterstützen, die ein Konzept hat für den Umgang mit der Digitalisierung (gibt es momentan nicht, alle wollen Netze ausbauen, haben aber kein inhaltliches Konzept, am ehesten findet man Ansätze bei den Grünen)
  • Individualität, Autonomie, Vielfalt behalten/zurück gewinnen und Ideen und Bedenken an unserer Kinder weiter geben
  • Bedingungsloses Grundeinkommen (muss wegen zunehmender Arbeitsloser zwangsläufig kommen) mit z.B. € 1500,-/Monat finanziert aus Finanztransaktionssteuer von z.B. 0,08% (schadet niemandem und stabilisiert hochriskante Finanzspekulationen)

Die Digitalisierung kann den Traum der Menschheit erfüllen:
Keine schwere Arbeit mehr, Komfort für alle, Zeit für persönliche und gesellschaftliche Entwicklung, weltumspannender globaler Austausch für Toleranz und Vielfalt...

Dieser Artikel entstand auf Anregung des Buches „Jäger, Hirten, Kritiker“
von David Richard Precht, Goldmannverlag 2018.

Joachim Gärtner