6. Wahrnehmung

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Augen sind "blind".
Sehen ist nicht gleich Wahrnehmen. Das meiste von dem, was wir sehen, existiert so nicht, und doch erfahren wir es.

Gehen wir den Weg vom Sehen zum Wahrnehmen.

Skizze Wahrnehmung

Wir sehen einen Baum. Elektromagnetische Lichtwellen (und/oder Teilchen), die ein Baum reflektiert, treffen auf die Nervenzellen der Netzhaut in unseren Augen. Nur Wellenlängen zwischen 400 und 750 nm können die Netzhaut erregen. Diese Nervenzellen der Netzhaut sind Dolmetscher, sie müssen das Licht der Außenwelt in die Sprache des Gehirns übersetzen, in elektrische Impulse. Und zwar eine Codierung mit nur 2 Zeichen: Stromstoß oder kein Stromstoß (binäres System, wie beim Computer). Gelangt der Stromstoß ans Ende der Nervenzelle (Neuron), dann schüttet er dort ein Molekül (Transmitter) in einen Spalt (Synapse) aus. Am anderen Ende des Spaltes beginnt das nächste Neuron. Hier erzeugt der Transmitter wiederum einen Stromstoß, den das Neuron weiterleitet. Solche Umschaltungen erfolgen dreimal in der Netzhaut und dreimal im Gehhirn, bis das Signal von außen codiert in der Hirnrinde (visueller Cortex) ankommt. Erst hier entsteht das, was wir Sehen nennen.

Das Bild entsteht also im Kopf.

Aber die Augen selbst sehen nichts, sie sind blind. Das Gleiche gilt für unsere anderen Sinne, unsere Zunge, Nase, Haut, sie schmecken, riechen, fühlen nichts. Auch das Ohr ist nur eine Antenne, eine Schnittstelle, und kann nie die 9. Symphonie von Beethoven hören, denn die Musik spielt im Kopf. So bleibt die Welt draußen. Das Licht erreicht nie das Gehirn und die Schallwellen ebenso nicht. Das Gehirn kennt nur eine Sprache: die Stromimpulse der Nervenzellen. Mit Millionen Bits pro Sekunde wird so die Welt "innen" erzeugt, die wir kennen. Es ist eine 2. Welt, eine andere Welt, die von der Welt da draußen hermetisch abgeriegelt ist.

Willkommen im Gefängnis.

Wenn es nach unserem Gefühl ginge, gäbe es nur eine Welt, die Welt eben, die wir wahrnehmen. Wir sehen den Baum, sobald wir die Augen öffnen – da steht er doch vor uns! Keiner käme auf den Gedanken, dass das, was wir sehen, nicht ein Baum ist, sondern eine Rekonstruktion in unserem Kopf. Und doch verhält es sich genau so. In Wahrheit hat jeder 2 Welten: Auf der einen Seite die objektive Realität, die physikalische/naturwissenschaftliche Welt da "draußen", und auf der anderen Seite die Welt im Kopf, unsere "Wirklichkeit", die wir erleben. Diese Wirklichkeit ist eine Rekonstruktion der objektiven Realität, eine Simulation, unsere subjektive selbst geschaffene Realität. Und der Punkt ist: Wozu wir Zugang haben, ist immer nur eine Rekonstruktion der objektiven Realität in uns, niemals die objektive Realität "dort draußen“. (in Anlehnung an: Bas Karst. Revolution im Kopf. Berliner Taschenbuch Verlag 2003):

Wie sehen diese Bearbeitungen aus?

Gestalt und Form

Sehen wir uns zuerst an, wie unser Nervensystem Gestalt und Form bearbeitet. Was erkennst Du?
a) Einen Haufen Punkte = Unordnung
b) Eine Gestalt = Ordnung = Information

Grafik Wahrnehmung

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Information ist das zufällige Erkennen einer Ordnung und somit abhängig von der Subjektivität des Beobachters. Wie viel Information geht uns verloren, wo wir keine Ordnung erkennen?
So kommt es zu Entdeckungen und Erfindungen.

Und welche Ordnung erkennst Du hier in diesem Bild?
(Farbliche Schattierung macht es leichter, siehe Ende des Kapitels Wahrnehmung.)

Grafik Wahrnehmung

(Mit freundlicher Genehmigung aus: T. Ditzinger, Illusion des Sehens, 2006,
Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Imprint von Springer SBM)

Grafik Wahrnehmung

Selbst grobe Pixel erzeugen bei Betrachtung von 5 m Abstand in uns ein bekanntes Gesicht:

 

 

 

(Mit freundlicher Genehmigung aus: T. Ditzinger, Illusion des Sehens, 2006,
Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Imprint von Springer SBM)


Unser auf Erkennung von Kanten ausgerichteter Wahrnehmungsapparat ist in der Lage, Kanten selbstständig zu ergänzen (links weißes und rechts schwarzes Kanisza-Dreieck). Die ergänzten Dreiecke werden im Vordergrund empfunden:

Grafik Wahrnehmung

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Grafik WahrnehmungKontext

Je nach Zusammenhang erkennen wir. Hier kann es eine 13 oder ein B sein:

 

(Mit freundlicher Genehmigung aus: T. Ditzinger, Illusion des Sehens, 2006,
Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Imprint von Springer SBM)

Wahrnehmungsbereitschaft ist die Neigung des Menschen, sich auf bestimmte Wahrnehmungen einzustellen und zu erwarten. Diese Erwartung bestimmt dann auch – zu einem gewissen Grad – was tatsächlich wahrgenommen wird.

Werden unterschiedliche Kontexte für die gleiche Sache erkannt, entsteht ein Witz:
Was ging Lady Diana als Letztes durch den Kopf? ... das Armaturenbrett!
Den Witz versteht nur der, der die beiden Kontexte kennt ("durch den Kopf gehen" bedeutet 1. überlegen und 2. mechanisch durchgehen).

Kinder sind (noch) nicht so eingeschränkt, sie können darüber nicht lachen. Sie sind für alles noch offen, nehmen viel mehr wahr, weil ihre Erwartungen geringer sind und ihre Wahrnehmungsbereitschaft höher ist. Deshalb sehen Kinder oft viel mehr. Deshalb ist es für Erwachsene wichtig, Kindern zuzuhören, sie haben noch mehr Zugang zur Welt. Deshalb muss der jüngste Assistenzarzt in der Klinikbesprechung angehört werden und nicht erst dann, wenn er langjährig die Routine der anderen trainiert hat und "beschränkt" wurde, wie es in deutschen Kliniken und auch anderen Berufswelten üblich ist).

Grafik WahrnehmungDer Kontext schränkt uns ein nach dem Motto:


Wir glauben, was wir sehen.

Aber: Wir sehen auch nur, was wir glauben.
Glaubst Du hier etwas zu sehen?

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Tipp: Ein Wort mit 4 Buchstaben, weiße Schrift auf schwarzem Untergrund.

3D-Berechnung

Sieh Dir diese Bilder an, dann drehe sie um 180° – oder Dich um den Bildschirm.

Grafik Wahrnehmung

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Wir sind es gewohnt, das Sonnenlicht von oben zu haben, also interpretieren wir die Schatten so, als wenn das Licht stets von oben käme.

Der neckarwürfelDer Necker-Würfel:

1. Welche Fläche des Würfels ist im Vordergrund?
2. Schaue den Würfel 3 Minuten an. Was ändert sich?
3. Versuche beide Alternativen gleichzeitig zu sehen!

Wenn das Bewusstsein die Dinge der Welt erlebt, dann sind die Dinge durch das unbewusste Aussortieren von Sinnesdaten längst gedeutet worden. Beim Necker-Würfel wird uns dies nur ausnahmsweise bewusst. Beide Alternativen unserer perspektivischen Deutung kann unser Bewusstsein nicht gleichzeitig erzeugen.

Grafik relative Länge

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Beide dicken senkrechten Striche sind absolut gleich lang. Wir empfinden einen relativen Größenunterschied durch unsere perspektivische Deutung der Umgebung. Ähnlich geht es uns mit Farben und Kontrasten.

Unsere Interpretation hängt von der Perspektive ab.

Diese beiden Bilder sind identisch:

Grafik Wahrnehmung

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Größenempfindung hängt von Umgebung ab und ist nicht absolut.

Grafik Größenempfindung

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Die blauen Kugeln sind gleich groß.

Grafik Wahrnehmung

(Mit freundlicher Genehmigung aus: T. Ditzinger, Illusion des Sehens, 2006,
Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Imprint von Springer SBM)

Links sind die waagerechten Striche und rechts die senkrechten Pfosten gleich lang.

Helligkeits- und Kontrastempfindungen hängen von der Umgebung ab und sind nicht absolut.

Grafik Wahrnehmung

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Der graue Balken in der Mitte ist in der Helligkeit homogen, erscheint aber links heller und rechts dunkler durch die Umgebung. Mit dieser Trickschaltung unseres Nervensystems (laterale Hemmung) erscheinen uns Kontraste stärker.

Kuh

(Mit freundlicher Genehmigung aus: T. Ditzinger, Illusion des Sehens, 2006,
Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Imprint von Springer SBM)

Das ist die schwarz/weiße Kuh von oben, jetzt in Farbe leicht erkennbar.

Wir können die Welt nicht erkennen wie sie ist, sondern nur, wie sie für uns ist. Nichts ist wie es scheint und doch ist es die Welt, in der wir glauben zu leben. Das, was wir wahrnehmen, ist kaum ähnlich dem, was wir anschauen. Aber – kann man einwenden – wir stimmen doch in dem überein, was wir sehen. Richtig. Aber nur in dem Maß, wie wir uns darüber sprachlich verständigen können. Sprachliche Verständigung findet aber nur in einer sehr geringen Bandbreite statt. Mit diesen wenigen Bits lässt sich z.B. die Farbe Gelb nicht vermitteln.

Skizze WahrnehmungEin Bild mit einem schwarzen und einem weißen Quadrat hat eine Informationsmenge von nur 50.000 Bits. Das können Auge und Bewusstsein ohne Abstriche bearbeiten. Für die sprachliche Beschreibung stehen uns maximal nur 50 Bits pro Sekunde zur Verfügung.


Skizze WahrnehmungBilder aus der Natur, wie z.B. der Blick auf einen Wald, liefern viele Milliarden Bits. Das Auge kann aber nur maximal 10 Mio. Bits/Sekunde bearbeiten, das Gehirn nur 1 Mio./Sekunde. Wir können bei einem schweifenden Blick noch nicht einmal ein Millionstel der Informationen ins Gehirn bekommen, die dann auch noch teils bewusst, teils unbewusst "bearbeitet" werden.

Grafik Wahrnehmung

Wir werden beeinflusst von einem Minimum an Information und Bewusstsein, vielmehr von Unbewusstem und Exformation.

Die Sprache selbst bereitet uns weitere Probleme. Wittgenstein hat sich, wie kein anderer, mit Sprachphilosophie beschäftigt. In seinem Spätwerk geht er davon aus, dass die philosophischen Schwierigkeiten und die Verwirrungen im Denken daher rühren, dass die Sprache vieldeutig ist und sagt: "Dass die Worte der Sprache nicht eindeutig sind, liegt daran, dass sie je nach dem Zusammenhang, in dem sie auftreten, ihren Sinn ändern."

Nehmen wir z.B. "Pferd". Es kann ein echtes oder ein Holzpferd gemeint sein, ein bestimmtes oder das Pferd allgemein. "Pferd" ist also kein einheitliches Wesen. Gemeinsam ist eine äußere Ähnlichkeit, die Sprache erzeugt die entscheidenden Unterschiede im Zusammenhang. Oder "Du" hat eine andere Bedeutung, wenn es in einem Liebesverhältnis oder als Drohung ausgesprochen wird. Die Bedeutung desselben Wortes ist also abhängig vom Kontext, in dem es steht.

Betrachten wir nur diese o.g. Grundwerkzeuge unserer menschlichen Natur, die Wahrnehmung und Sprache, so wird uns sehr schnell klar, dass es nie absolute Betrachtungen oder Aussagen geben kann. Wir konstruieren uns jeder ein subjektives Bild durch ein unübersehbares Ganzes einer relativen Welt.

Die große Welt um uns herum können wir mit unserem sehr beschränkten Wahrnehmungsapparat nur zu einem sehr kleinen Teil erfassen und interpretieren sie stark subjektiv. Eine wirkliche Ahnung von dem, was "da draußen" los ist, kann das Gehirn gar nicht haben. Das Bild entsteht im Kopf und steht am Ende einer langen Bearbeitung und subjektiven Interpretationen von sehr wenig Information. Dieses Bild ist höchst individuell, bei jedem anders. Jeder erschafft seine eigene Realität.

Viele weitere Faktoren beeinflussen unsere subjektiven Interpretationen, z.B. Aufmerksamkeit, Gefühle, Wille, Motivation, Einflüsse anderer Personen. Und viele Phänomene der Wahrnehmung können wir nicht verstehen, z.B. wodurch hier Bewegung ins Bild kommt:

Grafik Wahrnehmung

www.psi.ritsumei.ac.jp, mit freundlicher Genehmigung von Akiyoshi Kitaoka 2006 (February 13)

Eine weitere Beschränkung unserer Wahrnehmung besteht darin, dass wir nur eine "mittlere" Welt erkennen. Atome können wir nicht sehen, ebenso das ähnlich aufgebaute unendlich große Universum. Wir können hier durch technische Tricks unsere Wahrnehmung erweitern (Mikroskop, Teleskop, …), aber darunter und darüber gibt es nur theoretische Berechnungen, die sehr bescheiden ausfallen.

schwarzes Loch

Zwei Männer in Betrachtung des
Mondes


Von Caspar David Friedrich, www.wikipedia.org

 

 

Das Abendlied

3. und 4. Strophe aus "Der Mond ist aufgegangen“ von Matthias Claudius

Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste
Und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.

Ich glaube, dass der Sinn dieser Welt und unseres physischen Daseins nicht das Wesentliche für uns sein kann. Einen tiefen Sinn in der materiellen "äußeren" Welt kann ich nicht finden, eher in unserer "inneren" Welt.

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