4.5 Exkurs: Wahrheit, Gewissheit, Wirklichkeit, Richtigkeit

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Worte

in Anlehnung an Karl Popper.

Erkenntnis ist Wahrheitssuche.
Ziel der Wissenschaften ist: Wahrheitssuche.
Gewissheit kann unser Ziel vernünftigerweise nicht sein, da menschliche Erkenntnis fehlbar ist.

Errare humanum est. Irren ist menschlich.

Es gibt ungewisse Wahrheiten – sogar wahre Sätze, die wir für falsch halten – aber keine ungewisse Gewissheit.
Wissenschaftliche Wahrheiten sind also nur "Vermutungswissen", eine aktuell anerkannte Erklärung, die sich rasch ändern kann.

Knat - VernunftKant (aus: "Kritik der reinen Vernunft"): Was ist Wahrheit? Antwort: Die Übereinstimmung der Erkenntnis mit dem Gegenstand.

Antwort von Popper (aus: "Auf der Suche nach einer besseren Welt"): Eine Theorie ist wahr, wenn der beschriebene Sachverhalt mit der Wirklichkeit übereinstimmt.

Antwort vieler Sozialphilosophen: Wahrheit ist, was die Mehrheit der Gesellschaft akzeptiert. Die Wahrheit ist ein Konsens, eine Entscheidung, z.B. der Wahrspruch der Geschworenen. Wahrheit ist objektiv.

Gewissheit ist eine unumstößliche Erkenntnis. Gewissheit erhalten wir nur aus unserem Gewissen. Sie ist immer subjektiv. Z.B. der Glaube an Gott.
Wirklichkeit ist, was auf uns wirkt, z.B. Gegenstände, die uns entgegenwirken, ein Stein, gegen den ich trete. Die Negation der Wirklichkeit findest Du in Deiner eigenen Sprache wieder: "nicht wirklich".
Richtigkeit bezeichnet die nach irgendwelchen Regeln ausgeführte Vorgabe, eine Übereinstimmung, z.B. Rechtschreibung.

Wir Menschen versuchen die Natur zu verstehen. Wir können z.B. physikalische Kräfte beschreiben. Schwerkraft können wir eben noch empfinden, aber die restlichen Kräfte nicht. Deren Wirkung ist für uns keine Wirklichkeit. Aber wir können sie mit Instrumenten messen und sie werden zur Wahrheit. Die Wirklichkeit wird somit zu einem Teil der Wahrheit. Eine Gewissheit als objektiv überprüfbares System kann es in Natur- und Geisteswissenschaft nie geben. Es kann für uns Menschen aber Gewissheit geben als Erscheinung unumstößlicher, immerwährender Wahrheit. Sie ist subjektiv. Wir können sie in der Religion erfahren. Objektive Wahrheiten sind hingegen ein gesellschaftlicher Konsens, der häufig wechselt.

Die aus wissenschaftlicher Sicht positiv eingeschätzten Begriffe wie "Objektivität" und "Wahrheit", sind als kurzlebige Zustände entlarvt. "Subjektivität" und "Gewissheit" haben mehr Bestand und sind für uns viel wichtiger.

Aber was, wenn man eine Formel findet, die Elementarteilchen und Welle als eine Identität beschreibt und der Widerspruch in der Quantenmechanik aufgehoben ist? Oder irgendein Wissenschaftler findet Miniteilchen, die das letzte kleinste Teilchen sind, aus denen sich alle bisher bekannten Teilchen zusammensetzen und die Wellenfunktion widerlegt wird? Nun dagegen wehrt sich mein Geist. Mein Sinn des Lebens kann nicht davon abhängen, was irgendwann irgendwo in irgendeinem Labor gefunden wird. Andererseits haben die naturwissenschaftlichen Experimente meine Einstellung und auch meinen Sinn des Lebens beeinflusst. Schon wieder so ein Widerspruch. Die wesentlichen Dinge des Lebens finden sich vielleicht in solchen Widersprüchen unabhängig von Wahrheiten.

Wir leben in Widersprüchen, wie brauchen sie im Leben. Leben ist Bewegung, körperlich, wie geistig. Unsere ewige Suche nach Harmonie ist nur der Motor für persönliche Entwicklung und eine bessere Welt, angetrieben durch Widersprüche.

Vergleichbar ist Mephistos Eigencharakteristik in Goethes Faust:

"Ein Teil von jener Kraft,
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft!
Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht, denn alles, was entsteht,
Ist wert, dass es zugrunde geht."

Alles ist im Fluss.

Zufluss zum Gardasee

... alles ist im Fluss, selbst Franzi ist (fällt) manchmal in den Fluss ... (Zufluss zum Gardasee Ostern 2002)

Auch die Wahrheiten und die Suche danach sind im Fluss. Auch wir sind im Fluss; mitten drinnen. Unsere materiellen Bestandteile des Körpers, die Atome, werden ca. alle 5 Jahre ausgewechselt, unser Aussehen ändert sich, unsere Meinungen ändern sich. Die letzte Wahrheit ist, dass es keine letzte Wahrheit gibt. Alles ist im Fluss und wir sind ein Teil davon. Warum lassen wir uns nicht einfach treiben?

Mein Sinn des Lebens ist ebenfalls im Fluss. Im Alter von 5 Jahren sah ich einen anderen Sinn im Leben als jetzt und ich hoffe auch im hohen Alter einen Sinn für mein Dasein zu finden. Der Sprung von "der" Sinn des Lebens zu "meinem" Sinn des Lebens lässt mich sofort viel Sinn im banalen täglichen Leben erkennen: Es gibt Sinn, sich warm anzuziehen, wenn es kalt ist; zu essen, wenn man hungrig ist ... Sinnvolle Handlungen verknüpfen sich mit Zielen nah und fern. Ein mittelfristiges Ziel wäre das Abitur und ein langfristiges Ziel Studium, Beruf, Familie ...

Das gibt Sinn, auch wenn Du morgen schon einen anderen Sinn und Ziele siehst. Jeder hat den freien Willen, eine neue Wahl zu treffen, so oft er will.

So gliedert sich der Fluss der Sinne in den großen dynamischen Fluss aller Dinge ein. Alles fließt. Nur das Sterben ist ein Moment des Stillstandes. Vielleicht nur ein kurzer Stillstand, eine Schwelle zu einem neuen Fluss, dem Tod. So wie der Tod der Materien das "schwarze Loch" ist. Aber was geschieht am Ende des Loches, eine neue Ordnung in einem neuen, andersartigen Universum? Menschen, die klinisch tot waren und eine Nahtoderfahrung hatten, berichten oft durch einen Tunnel zum Licht in das Jenseits gegangen zu sein, vergleichbar mit einem "schwarzen Loch". Nach der Relativitätstheorie sieht man, wenn man mit Lichtgeschwindigkeit durch das Universum reist, die Sterne als gebündelten hellen Punkt voraus und die Umgebung erscheint einem wie ein dunkler Tunnel. Dies kann dem Tunnel der Nahtoderfahrenen entsprechen, wenn man sich vorstellt, dass die Seele mit Lichtgeschwindigkeit durchs Universum reist.

schwarzes Loch

schwarzes Loch
www.wikipedia.org

Watt

Watt
www.wikipedia.org


Mit diesem Wissen sagte schon Sokrates: "Ich weiß, dass ich nicht weiß, und kaum das."

Oder Dr. Faust bei Goethe:
Da steh` ich nun, ich armer Thor!
Und bin so klug als wie zuvor,
bin Magister, ja Doctor gar […]
Und sehe, dass wir nichts wissen können!

Possessives (albernes) Wortspiel:

Was ist der Sinn des Lebens?
Über den Sinn nachzufragen gibt keinen Sinn.
Unter den Sinn zu fragen genauso wenig.
Neben den Sinn zu fragen würde ebenfalls das Ziel verfehlen.
In den Sinn muss man dann wohl fragen.

Gibt es einen Sinn im Sinn?
... das klingt sinnlos! Warum?
Weil der Satz selbstbezüglich ist und somit sprachlogisch unzulässig. Und weil die Frage falsch gestellt ist. Es wurde der Beobachter vergessen. Es muss heißen: Was ist mein Sinn des Lebens?

Diese Beantwortung ist auch nur eine Taktik, ein Trick, der sich bewährt, wenn jemand unangenehme Fragen stellt. Man kann dann einfach sagen: "Das darf man so nicht fragen, die Frage ist falsch gestellt."

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