4.1. Wie entsteht eine Handlung?

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Eine Handlung ist eine aktive Aktion als Botschaft an die Umwelt.

a) aus der Seele mit wahren Gefühle und dem Wissen von allem,

b) aus dem Geist mittels bewusster Gedanken. Beeinflusst von Logik, Intuition und Gefühlen/Emotionen wird der entscheidende Gedanke hervorgebracht, der die Handlung auslöst.

Zur Begriffsbestimmung habe ich oben meine Auffassung von Seele, Geist und Gedanken geäußert. Über die Logik folgt ein Extrakapitel weiter unten. Zunächst Näheres zu Gefühlen, Emotionen und Intuition.

Gefühle

Wir haben zwei Grundgefühle: Liebe und Angst, oberflächlicher betrachtet: Lust und Unlust. Hierauf beruhen unsere Gedanken und letztendlich unsere Handlungen. Die wahren, tiefen Gefühle kommen aus unserer Seele. Die übrigen Gefühle entstehen im Geist und sind Konstrukte der Gedanken.

Emotionen

sind Gemütsbewegungen, die auf Liebe oder Angst zurückzuführen sind, nach D. Goleman erweitert auf 4 Grundgefühle:
Freude, Angst, Wut und Trauer. Die psychologische Definition bezieht neben Gefühlen, das Verhalten und die dabei auftretenden körperlichen Veränderungen sowie Kognition (=Erkennen) ein.

Emotionen entstehen durch Wahrnehmung tatsächlicher oder empfundener Ereignisse. Wir interpretieren sie mit unseren Gedanken und richten sie auf ein Objekt oder eine Situation. Sie sind genetisch geprägte Verhaltensmuster, die sich im Laufe der Evolution gebildet haben zur Anpassung neuer Umstände und zum schnellen Handeln. Lernprozesse, individuelle Erfahrungen und kulturelle Einflüsse beeinflussen Emotionen.

Pitbull

Pitbull
www.wikipedia.org

Beispiel I:

Ein zähnefletschender Hunde rast auf uns zu. Wir empfinden Angst (Gefühl), wir weichen zurück mit entsprechender Mimik (Verhalten), der Puls geht hoch und wir schwitzen (körperliche Reaktion), ein Gedanke beherrscht unser Denken (Kognition): Der beißt mich!

Positive Emotionen machen uns glücklich. Negative Emotionen machen uns Angst und verwirren uns. Ängste sind Derivate der Todesangst und erinnern uns an Vergänglichkeit von allem. Sie müssen mit Verstand analysiert werden, um keine negativen Handlungen zu erzeugen. Gefährlich sind unsere negativen Gefühle in zwischenmenschlicher Kommunikation. Sie können mit unseren Gedanken negativ bewertet werden und wir können sie auf Mitmenschen projizieren. Solche Gefühle suggerieren uns objektive Wirklichkeit, obwohl sie nur Produkte unserer subjektiven Bewertung sind.

Negative Gefühle können beseitigt werden. Sie können mit Gedanken kritisch bewertet werden und durch Vernunft eliminiert werden.

Beispiel II:

Ein Einbrecher kommt in unser Haus (Gefühl: Angst), ich projiziere meine Gefühle auf ihn (bewertender Gedanke: Hass). Mein Urteil: Ich hasse den Einbrecher. Tatsache ist jedoch, dass ich nicht den Einbrecher, sondern seine Tat hasse. Wenn ich ihn näher kennenlernen würde, würde er mir vielleicht sogar sympathisch sein und ich hätte Verständnis für seine Tat.

Beispiel III:

Ihr Tagebuch

Am Samstagabend hat er sich echt komisch verhalten. Wir wollten noch auf ein Bier ausgehen. Ich war den ganzen Tag mit meinen Freundinnen beim Einkaufen und kam deswegen zu spät – womöglich war er deswegen sauer. Irgendwie kamen wir gar nicht miteinander ins Gespräch, sodass ich vorgeschlagen habe, dass wir woanders hingehen, wo man sich besser unterhalten kann. Er war zwar einverstanden, aber blieb so schweigsam und abwesend. Ich fragte, was los ist, aber er meinte nur "nichts".

Dann fragte ich, ob ich ihn vielleicht geärgert habe. Er sagte, dass es nichts mit mir zu tun hat, und dass ich mir keine Sorgen machen soll. Auf der Heimfahrt habe ich ihm dann gesagt, dass ich ihn liebe, aber er fuhr einfach weiter. Ich versteh ihn einfach nicht, warum hat er nicht einfach gesagt "Ich liebe dich auch". Als wir nach Hause kamen, fühlte ich, dass ich ihn verloren hatte, dass er nichts mehr mit mir zu tun haben wollte. Er saß nur da und schaute fern – er schien weit weg und irgendwie abwesend. Schließlich bin ich dann ins Bett gegangen.

Er kam 10 Minuten später nach und zu meiner Überraschung hat er auf meine Liebkosungen reagiert und wir haben uns geliebt. Aber irgendwie hatte ich immer noch das Gefühl, dass er abgelenkt und mit seinen Gedanken weit weg ist. Das alles wurde mir zu viel, sodass ich beschlossen habe, offen mit ihm über die Situation zu reden, aber da war er bereits eingeschlafen. Ich habe mich in den Schlaf geweint. Ich weiß nicht mehr weiter. Ich bin fast sicher, dass er eine andere hat. Mein Leben hat keinen Sinn mehr.

Sein Tagebuch

Heute hat Köln verloren, aber wir hatten prima Sex.

Intuition

Eine Sonderrolle spielt die Intuition. Sie ist eine spontane Entscheidung, in die die gesamten bewussten und unbewussten, kognitiven und emotionalen Vorerfahrungen eines Menschen eingehen, wahrscheinlich incl. der archetypischen Erfahrungen der gesamten Menschheit aus dem riesigen Speicher unseres Unbewussten. Es ist die Fähigkeit, auf Anhieb eine gute Entscheidung zu treffen, ohne die zugrunde liegenden Zusammenhänge explizit zu verstehen. Logik oder sachliche Richtigkeit spielen hier keine Rolle. Regelmäßig treten solche Entscheidungen im Sport auf. Klose hat keine Zeit zum Überlegen, wenn er plötzlich den Ball bekommt und alleine vor dem Torwart steht. Hier zeigt sich die Genialität des Fußballers, er kann das Denken ausschalten (vielleicht sind deshalb Fußballer meist nicht so intelligent :-)) und sein Unbewusstes entscheidet aus einer gigantischen Datenbank früherer ähnlicher Situationen und die Handlung erfolgt unmittelbar.

Wir sagen „aus dem Bauch heraus“, da diese Entscheidung ganz überwiegend aus dem unermesslich großen Unbewussten stammt. Aus der Anatomie und Physiologie wissen wir, dass der Bauch ein sehr autonomes Nervensystem hat mit über 100 Millionen Nervenzellen und Steuerungsmechanismen, ähnlich dem Gehirn. Viele Kulturen sehen hier ein eigenes Energiezentrum (Chakra).

"Der Zufall trifft nur einen vorbereiteten Geist", sagte L. Pasteur. Beispiele sind der im Traum entdeckte Benzolring von Stradonitz oder die Komposition des Songs "Yesterday", den Paul McCartney morgens direkt nach dem Wachwerden ohne nachzudenken aufschrieb, wie eine "Eingebung".

Oscar Wilde

Oscar Wilde
www.wikipedia.org

"Jede theoretische Erklärung ist eine Reduzierung der Intuition."
P. Hoeg. Fräulein Smillas Gespür für Schnee.

Intuition ist die Weise, wie ein Mensch das Wesenhafte, das Andersartige einer Wahrheit
suchen und finden kann. Er „schaut sie an“. Er lässt sie in sich eintreten.
Platon, zitiert nach Jörg Zink, Gotteswahrnehmung, Gütersloher Verlagshaus 2009

"Intuition ist der eigenartige Instinkt, der einer Frau sagt, dass sie recht hat,
gleichgültig, ob das stimmt oder nicht."
Oscar Wilde

Viele Künstler handeln intuitiv. So hat Mozart seine Kompositionen teils aus seinem Unbewussten „abgeschrieben“. Jackson Pollock sieht seine Bilder als auf der Leinwand festgehaltene Intuition: „Wenn man aus dem Unbewussten heraus malt, tauchen zwangsläufig Figuren auf. Malen ist ein Seelenzustand. Malerei ist Selbsterfahrung. Jeder gute Künstler malt, was er ist.“:

Versuch einer graphischen Darstellung von Seele, Geist und Körper mit ihren unterschiedlichen, teils überschneidenden Qualitäten:

Seele Geist Körper

Wie sieht der genaue Ablauf einer geplanten heilvollen Handlung aus?

  1. Ich habe ein Gefühl für etwas.
  2. Ich entwickele Gedanken dazu.
  3. Ich suche Übereinstimmung zwischen Gedanken und Gefühlen.
  4. Ich finde in dieser inneren Diskussion einen Entscheidungsgedanken für eine Handlung. Diese Diskussion läuft meist dialektisch ab zwischen pro und kontra.
  5. Starke Motivation.
  6. Ausführung der Handlung mit Freude und vollen Kräften.
  7. Nach Ausführung der Handlung erkenne ich den Nutzen für alle, also für mich und alle anderen Menschen, empfinde eigene Zufriedenheit und bin glücklich.

Das manifestierte meine subjektive Realität. Handlungen werden zu Erfahrungen und beeinflussen neue Gedanken und neue Handlungen. Erfahrungen, die allen dienlich sind, geben uns innere Kraft, wie wir sie uns nur selbst schaffen können und erzeugen Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl und Authentizität. So erschafft jeder seine ihm eigene Realität. Jeder hat seine eigenen Gefühle, seine individuellen Erfahrungen, seine spezifische Wahrnehmung und daraus seine eigene einzigartige Realität. Es gibt also nicht die Realität.

Beispiel:

  1. Ich habe das Gefühl, dass es für mich nicht gut ist, Tiere zu essen.
  2. Ich überlege, ob ich mich vegetarisch ernähren möchte. Welche Vor- und Nachteile es haben könnte.
  3. Ich stelle mir vor, wie es schmeckt und wie ich mich dabei fühle.
  4. Ich entscheide mich dazu, im ersten Schritt fünf Tage der Woche vegetarisch zu essen.
  5. Nun bin ich motiviert es umzusetzen.
  6. Ich habe Freude daran, selbst zu kochen, kaufe selbst ein und bereite es im Wok zu.
  7. Mit Freunden genieße ich dieses Essen. Allen schmeckt es und alle halten es für eine gute Sache, weniger oder kein Fleisch zu essen. Mit diesem Ergebnis habe ich für mich und andere etwas Sinnvolles geschaffen und empfinde Glück.

Ziel ist also eine Handlung mit dem Ergebnis, das allen dienlich ist, ausgehend von meinen Gedanken, die eine starke schöpferische Kraft haben und in Übereinstimmung mit meinen tiefsten Gefühlen stehen. Gefühle wie Hass oder Wut blockieren unser Herz, machen blind und können zu negativen Handlungen führen. Unsere kritische Vernunft und unser Verstand können negative Handlungen verhindern. Ein disziplinierter Geist kann auch aus dieser Situation eine für alle dienliche Handlung hervorbringen durch eine Umkehrung des Handlungsablaufes:

  1. Handlung nach neuem Willen.
  2. Wort nach neuem Willen.
  3. Wiederhole und der Geist trainiert neue Gedanken.

GrafikSo entwirft sich das Selbst immer wieder neu. Deshalb reden Buddhisten vom Nicht-Selbst. Sie sehen das Selbst nicht als ein permanentes und unveränderliches Selbst an, sondern in einem ständigen Wandel. Das erschafft permanent neue Realitäten.

Was ist am Anfang des Prozesses wichtig?

Am Anfang von allem stehen unsere tiefen Gefühle und erste Gedanken.
Die Gedanken sind das Dynamit in uns, starke Kräfte mit großem Energiepotenzial. Dies dürfen wir nicht unterschätzen und damit spielen. Die Gedanken sind der Geburtsort unserer Handlungen. Mit Gedanken können wir uns mühelos Geschichten aus-denken, sie wiederholen und irgendwann glauben wir darin Wahrheiten zu sehen, auch wenn sie unrealistisch oder zerstörerisch sind.

Äußere Einflüsse sollten wir als unbewertete Fakten sehen, wohl wissend, dass sie eine der vielen möglichen subjektiven Interpretationen sind. Jeder alleine ist verantwortlich für seine Gedanken, seine sekundären Gefühle entstanden aus Gedanken und letztlich für seine Handlungen.

Ich versuche meine tiefen Gefühle aus der Seele zu empfinden, mit meinen Gedanken eine Realisierung zu planen und Handlungen durchzuführen, die mir und anderen dienen.

Welche Lernprozesse/ Eigenschaften fördern positives Denken und Handeln?

Kümmern um andere (nicht Versorgen),
Verzeihen (nicht Vergessen),
Liebe incl. Selbstliebe,
Zuneigung und besonders
Mitgefühl (nicht Mitleid). In die Lage des anderen versetzen, alles aus seiner Sicht sehen.
Höre dem anderen zu ohne bewertende Gedanken, ohne etwas dazu zu sagen und gebe keinen Rat, es sei denn er bittet Dich darum.
"Mitgefühl und Einfühlungsvermögen bedeuten, dass ich das, was der andere erlebt, in mir selbst erlebe und dass daher er und ich in dieser Erfahrung eins sind. Jedes Wissen um einen anderen ist nur dann echtes Wissen um ihn, wenn es sich darauf gründet, dass ich in mir selbst erlebe, was er erlebt. Ist dies nicht der Fall, so bleibt der andere für mich ein Objekt, ich kann dann eine Menge über ihn wissen, aber ich kenne ihn nicht." (E. Fromm, Die Revolution der Hoffnung)
Solches Handeln gibt Sinn, mir Lebenssinn.

"Das ist das Ärgerliche am Ärger; dass man sich damit selbst bestraft."

E. Ferstl

"Aus der Pflege glücklicher Gedanken und Gewohnheiten entsteht auch ein glückliches Leben."

N. V. Peale. Die Kraft positiven Denkens.

"Den Dingen geht der Geist voran, der Geist entscheidet."

Buddha

Rousseau

Rousseau
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Der Erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam, zu sagen: "Dies gehört mir" und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: "Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemandem gehört"."

Jean-Jacques Rousseau, Discours

"Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen. Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal."

Talmud (jüdische Schrift)

Wer heute einen Gedanken sät,
der erntet morgen die Tat,
übermorgen die Gewohnheit,
danach den Charakter
und endlich sein Schicksal."

Gottfried Keller

Mein Fazit:

Ich habe in meiner Seele meine tiefen, für mich wahren Gefühle, die ich er-leben und erfahren will. Sie lassen in meinem Geist Gedanken entstehen beeinflusst von meiner Wahrnehmung äußerer Umstände und meinem Wissen. Jetzt kommt der entscheidende Prozess, in dem meine Gedanken eine Diskussion führen, alle Eindrücke verarbeiten, mittels Verstand bewerten und zu einem Urteil kommen. Dieses Urteil nenne ich Entscheidungsgedanke, er ist Grundlage meiner Handlung. Für meine Gedanken und damit auch für meine Handlungen bin ich alleine verantwortlich und sollte auch diese Verantwortung nach außen demonstrieren. Mit meinen tiefen Gefühlen muss ich mich arrangieren, das bin ich. Sekundäre Gefühle aus meinen Gedanken versuche ich als solche zu erkennen und sehe die Gefahr darin, dass sie als Bewertung Gedanken und Geschichten erzeugen können, die weder mit meinen tiefen Gefühlen, noch mit realen äußeren Umständen übereinstimmen. Wenn ich diese Unterscheidung nicht erkenne, können Handlungen entstehen, die ich nach meiner tiefen Überzeugung nie wollte.

Wenn jeder es schafft, Gedanken zu entwickeln für Handlungen, die allen dienlich sind, dann schafft das Frieden zwischen den Menschen. Wenn dann noch die Gefühle mit den Gedanken übereinstimmen, dann schafft das Liebe und Glück.

Eine grundlegende Änderung unserer Gedanken und Handlungen, vielleicht sogar unserer Gefühle ist möglich! Der Buddhismus hat Erfahrungen damit seit über 2000 Jahren. Die moderne Neurobiologie hat dies in den letzten Jahren bewiesen. Das Gehirn kann durch aktive Vorgänge organisch und mental verändert werden durch die sogen. Neuroplastizität. Sogar die Gene können wir bei uns und unseren Kindern individuell aktivieren. Das ist die Chance, dass die Vernunft in den Menschen nicht dienliche Gedanken abbaut und friedvolle für alle dienliche Handlungen entstehen!

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