1.2 Tod und Endlichkeit. Werte erfahren wir durch Endlichkeit.

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KompassWerte erfahren wir durch Endlichkeit. Stellen wir uns vor, wir wären zeitlich unbegrenzt, also wären unsterblich. Ob wir heute oder in 1000 Jahren nach Australien reisen, wäre völlig egal. Ob wir morgen oder in 100.000 Jahren ins Schwimmbad gehen oder nicht, wäre auch egal.
So gäbe es kein Ereignis, auf das wir uns richtig freuen und es gäbe keine einmaligen Erlebnisse.

Der Tod als Grenze des Lebens fordert uns auf zu leben und auf erfüllte Weise zu leben. Man macht das Leben zunichte, wenn man es ewig haben will, so wie man eine Lust zunichte macht, wenn man sie immer genießen will. Alle Lust will Ewigkeit, aber die Ewigkeit ist ihr Tod. Das gilt auch für das Leben.

Gäbe es den Tod nicht, müsste man ihn erfinden, um nicht ein unendlich langweiliges Leben zu führen. Es ist die Grenze des Todes, der wir die Freude am Leben verdanken.

Der Tod erinnert uns an die Vergänglichkeit aller Dinge. Er ermöglicht, dass alles immer neu entstehen kann, einzigartig, einmalig und stets wandelbar. Es spielt dabei keine Rolle, ob der Tod das tatsächliche Ende unserer Existenz ist oder der Übergang in ein anderes Dasein. Er ist sicher das Ende dieses Lebens.

Der Tod ist das, worum uns die Götter der Antike beneidet haben.

San Blas

San Blas 1/2008

Stellen wir uns vor, wir wären räumlich und zeitlich unbegrenzt, also könnten an mehreren Orten gleichzeitig sein, jetzt in New York und 1 Sekunde später auf dem Sofa in Deutschland. So wären Reisen völlig unattraktiv.

Es spielt dabei keine Rolle, ob dies tatsächlich so ist oder nicht, wesentlich ist, dass wir es für real halten und danach denken und handeln. Die Zeit gibt es vielleicht gar nicht. Nach heutigem physikalischen Wissensstand gibt es die Zeit isoliert nicht, sondern gekoppelt an den Raum. Raum und Zeit sind nach Einsteins Berechnung untrennbar, er berechnet eine sogen. Raumzeit, die wahrscheinlich unendlich ist. Man kann sie berechnen, aber sie ist schwer vorstellbar. Nachdem ich viele Jahre darüber nachgedacht habe, ist für mich die Raumzeit zu einer fühlbaren Realität geworden. Ein Beispiel dafür, wie Denken den Geist grundlegend schulen kann und neue Erkenntnisse schafft.

Einstein schrieb an die Frau seines Freundes Michele Besso nach dessen Tod: "Für uns gläubige Physiker hat die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer, wenn auch hartnäckigen Illusion".

Gedicht und Bild

Gedicht und Bild von Marcell Kluth mit freundlicher Genehmigung www.flatty.de

Smileis

Kuna Indianer

Kuna-Indianer in Kuna Yala

Stellen wir uns vor, wir wären modal unbegrenzt, könnten also gleichzeitig nett/freundlich und giftig/aggressiv sein. So wüsste niemand, woran er bei dem anderen ist. Einen Charakter würde es nicht geben.

Und stellen wir uns vor, wir wären kausal unbegrenzt, könnten also alle Warum-Fragen beantworten. So gäbe es keine Geheimnisse, keine Probleme (und dann ja auch keine Lösungen) .......... und auch diesen Aufsatz gäbe es nicht :-)

Wertvoll sind für uns Dinge nur dann, wenn sie begrenzt sind, ein Ende absehbar ist. Somit hat das Leben für uns einen Wert und damit auch Sinn, schon alleine dadurch, dass es ein begrenztes Erleben ist. Für uns ist nichts immerwährend. Unser Vorstellungsvermögen besteht aus endlichen Kategorien, auch wenn wir in der Mathematik mit "unendlich" rechnen und an die Unsterblichkeit der Seele glauben. Unsere endliche Vorstellung hat biologischen Ursprung und entspricht unserer ständigen Erfahrung:

Gletscherlagune

Gletscherlagune auf Island


Regenwald

Regenwald Panama

Wir leben in Rhythmen:
Tag – Nacht ...
Sommer – Winter ...
Blätter wachsen ...
Einatmen – Ausatmen ...
Systole – Diastole ...
Wach – Schlaf ...
hungrig – satt ....
Letztendlich geht alles banal auf und zu,
hoch und runter, rein und raus, hin und her.
Wir schwingen kontinuierlich in Grenzen. Dieses ist ein Widerspruch in sich, eine Dichotomie. Es stimmt also beides, Kontinuität und Grenze/Ende, obwohl es sich vom logischen Verstand her auszuschließen scheint.

Die Technik – im Sinne der Ingenieurstechnik – ist nicht rhythmisch und somit unnatürlich. Wenn die Technik versucht einen Rhythmus zu bekommen, dann nennt sich das Recycling. In dieser Folge kann man auch Leben – Tod – Leben … sehen. Das stimmt sicher für die organischen Bestandteile von uns. Nach unserem Tod zerfallen wir in Atome, aus denen wieder neue Elemente, Pflanzen, Tiere oder Menschen entstehen. Aber was wird aus unserem Geist und unserer Seele?

Wenn ich das Thema Tod wirklich verinnerlichen will, um daraus positive Impulse für mein Leben zu erhalten, dann muss ich mich tief hineindenken. Menschen mit Nahtoderfahrung erleben diesen Vorgang in sehr kurzer Zeit sehr intensiv und für viele ändert sich die Lebenseinstellung grundlegend. Wie kann ich mich in den Tod vertiefen? Eine konkrete Vorbereitung auf den Tod bietet sich bei einer Krankheit. Sie zeigt mir, wie sehr ich die Erwartung habe, dass das Leben in einer bestimmten Weise immer weitergeht. Erwartungen sind wie ein Gefängnis, sie lassen mich nur das erkennen, worauf ich ausgerichtet bin. Gewöhnlich ist alles, was wir sehen, Erinnerung oder Erwartung. Wir nehmen nur wahr, was wir kennen, wir er-kennen. In einer Krankheit erfahre ich, dass das nicht so sein muss, öffne mich für alles, fühle, höre und sehe, was auch immer geschieht. Ich überschreite eine Grenze ins Unbekannte, die mein Selbst einhalten möchte. Angst kommt auf und ich verschließe mich. Ich will nicht loslassen und zwar den, der ich zu sein glaube. Ich versuche die Situation unbewertet zu beobachten und trete entspannt an die Grenze. Es läuft darauf hinaus, mich für eine Art Nicht-Wissen zu öffnen – einem nur "Sein". Indem ich mein Wissen loslasse und meinen "Verstand verliere", öffne ich mich dem eigentlichen Sein. Wenn ich es zulasse, nicht zu wissen, dann werde ich wachsam sein, wie ein Jäger, der lauert, aber nicht weiß was kommt. Es ist einfach die Stille im Zentrum der Aktivität. Es ist ein offener Raum, durch den sich alles hindurch bewegen kann. Es ist kein Substantiv mehr. Es ist zu einem Verb geworden. Zu einem Akt des Stillehaltens. So schließe ich nichts aus, bin für alles offen. Ich erkenne Weiträumigkeit hinter den Grenzen, die schon immer vorhanden war und erkenne ohne Zwang, ohne Beurteilung die grundlegende Wirklichkeit, alles was ist, die Stille des Seins.

Noch konkreter kann man sich einfühlen, wenn man sich die letzten Tage vor seinem Tod vorstellt. So lade ich im Folgenden zum Sterben ein. Stelle Dir vor, Deine Kräfte werden weniger und Du kannst Deinen gewohnten Tagesablauf nicht mehr bewältigen. Du bist schwer erkrankt und kannst Deinen Gewohnheiten nicht mehr nachgehen, die Du zur Darstellung Deines Selbst angenommen hast. Du kannst kein Geld mehr verdienen und nicht mehr am Gesellschaftsleben teilnehmen, um das Trugbild von Deiner Besonderheit und Wichtigkeit zu erhalten. Die Kraft wird immer weniger, Du liegst im Bett, Dein neuer Wagen steht vor dem Haus und Dir wird klar, dass Du ihn nie wieder fahren wirst. Im Schrank liegen Deine schönen Kleidungsstücke, die Du so gerne getragen hast, die Du wahrscheinlich nie wieder anziehen wirst. Und Du fragst Dich: "Wer ist diese elegante Person gewesen, die diese Sachen gekauft hat?" Im Nachbarzimmer sind Dein Partner und Deine Kinder oder Eltern, mit denen Du nichts mehr unternehmen kannst. Sie werden gleich reinkommen und Dich füttern. Dein Verdauungssystem kann die Speisen nicht mehr behalten, Du willst aufstehen, schaffst es aber nicht. Dir wird bewusst, dass Deine Frau in einem Jahr vielleicht mit einem anderen hier in diesem Bett liegen wird. Du fühlst Dich ausweglos gefangen und willst nur raus aus dieser Lage, wieder der sein, der Du dachtest gewesen zu sein. Dein Weltbild zerfällt und Du fragst Dich: "Wer bin ich wirklich? Wer ist es, der stirbt? Welchen Sinn hat Dein Leben?" Dein Selbst bekommt Angst. Alles, womit es sich identifiziert hat, stirbt in Etappen weg. Du weißt nicht mehr wer Du bist, weil Du Dein wirkliches Sein eingetauscht hast gegen eine Position, gegen eine gesellschaftliche Rolle, gegen eine selbst konstruierte Hülle, gegen eine Maske, die in einer Welt willkürlicher Werte irgendwelche Dinge erledigt, Pflichten erfüllt, Termine hat und auf Zukunftsziele hinstrebt ohne im Jetzt zu sein. Es ist der Widerstand gegen das Leben, der den Tod mit so viel Leiden umgibt. Stelle Dir vor, die Krankheit wird schlimmer, Du brauchst eine Darmspülung, jemand wischt Dir den Hintern ab und das Schlucken bereitet Probleme. Wo ist die Person, die alle diese intellektuellen, sozialen, sexuellen und physischen Identitäten besaß? Wer bist Du jetzt? Und Du verzweifelst. Dieser Moment kann Dir ein neues Fenster öffnen und Du erforschst Dich selbst, Dein Selbst. Wenn Du Dich auch nicht mehr als der behaupten kannst, für den Du Dich gehalten hast, fühlst Du doch irgendwie, dass der, der Du wirklich bist, noch immer vorhanden ist. Du fühlst Deinen spirituellen Geist, spätestens jetzt entdeckst Du, dass Du eine Seele hast, Deine eigentliche Identität. Jetzt erkennst Du, dass Dein Leben in einem Käfig stattfand, begrenzt von Zwängen, Pflichten, Erwartungen, materiellen Bedürfnissen, oberflächlichen Beziehungen, Gedanken der Vergangenheit und Wunschvorstellungen für die Zukunft. Jetzt bist Du nicht mehr Gefangener Deines alten Weltbildes. Du bist frei. Die alten oberflächlichen Werte haben keine Bedeutung mehr für Dich, Du hast sie losgelassen. Du erkennst, dass alles, was Du bist, zu jedem Zeitpunkt vorhanden ist. Du bist endlich im Jetzt angekommen und frei einfach zu sein. Diese Erforschung der Wirklichkeit Deines Lebens gibt Dir Sinn und Kraft. Du bist nicht mehr darauf aus, dass das Leben sich nach Deinen Wünschen und Bedürfnissen richtet und schon gar nicht willst Du nach außen etwas darstellen. Dein Leben wird zur Erforschung Deiner Wahrheit. Du trittst zum Geist in Beziehung, anstatt auf ihn bezogen zu sein, übernimmst Verantwortung. Deine innere Wirklichkeit enthüllt sich, was Du vorher nie zugelassen hast. Du brauchst nichts mehr verstecken, nichts zu schützen, Du kannst sein wie Du bist und jetzt weißt Du, wer Du bist, wer da stirbt. Du musst nichts tun, um der zu sein, der Du wirklich bist. Es gibt kein "Sollen", kein "Müssen", das sind nur Konstrukte. Es gibt nur das Sein im Hier und Jetzt.

Du erkennst, dass das, was Du "Deine Erfahrung" nanntest – "Dein" Denken, "Dein" Hören, "Dein" Schmecken, "Dein" Sehen – im Grunde nur ständig wechselnde Eindrücke aus einem unendlich großen Raum waren und Du mit keinem von ihnen identisch bist. Du siehst, dass Du ein Teil bist, von dem, was ist, von dem Alles-was-ist. So wird der Tod wie ein Regen, der sich wieder sanft in den Ozean ergießt.

Jetzt empfindest Du: "Ich war noch nie so frei und glücklich in meinem Leben wie jetzt, weil ich keinen Widerstand und keine Grenzen mehr fühle. Ich habe keine Ahnung wer ich bin, aber das stört mich nicht, denn das, wofür ich mich halte, hat ohnehin keinen Bestand. Irgendwie bin ich ständig anders, alles fließt. Ich bin auf einer Forschungsreise mit Nicht-Wissen. Mein bisheriges Wissen hat mein Verständnis immer blockiert, mich eingeschränkt. Ich war nie offen, konnte die selbst gewählten und gesellschaftlich geforderten Einschränkungen nicht loslassen. Aber nun bin ich offen für alles, weil ich nichts mehr zu verlieren habe. Ich musste alles verlieren, um zu erkennen, dass kaum etwas davon für mich wichtig war. Doch nun ist da irgendwie mehr, als ich jemals erwartet habe. Ich bin." Du bist in der lebendigen Gegenwart angekommen, im Hier und Jetzt, der einzigen Ebene, wo Du fühlen, aussprechen und handeln kannst, hier kannst Du sein und zwar so wie Du willst, so wie Du bist. Willkommen in der Freiheit! Im Denken kann man nur in der Vergangenheit oder Zukunft sein und vergisst die Gegenwart. So führt uns die Auseinandersetzung mit dem Tod ins wirkliche Leben.

Was würdest Du kurz vor Deinem Tod sagen? Denk an all das, was ungesagt bliebe und teile es Tag für Tag denen mit, die Du liebst. Zögere nicht. Denn "morgen" ist nur ein Traum. Und morgen kann auch aus voller Gesundheit Dein letzter Tag sein, ohne Ankündigung, ohne Vorbereitung, ohne Abschied. So sage ich: "Ich öffne mich Dir liebevoll, so wie Du bist – nicht wie ich Dich sehen möchte oder wie ich mich selbst sehen möchte. Ich öffne mich der Vorstellung, dass ich kein abgesondertes "Ich" bin in Beziehung zu einem abgetrennten "Anderen", wir ruhen in liebevoller Offenheit in uns selbst und in tiefer Liebe im Alles-was-ist".
(in Anlehnung an Steven Levine. Wege durch den Tod. Kamphausenverlag)

Mein Fazit

Ich mache mir mein materielles Ende meiner derzeitigen Erscheinungsform bewusst und erkenne, was für mich im Leben wichtig ist. Es gibt mir Lebensqualität und ich kann Sinn erkennen. Der Tod ist ein physiologischer Vorgang und bei wertfreier Betrachtung vernünftig. Er ist ein Tor und verliert seinen Schrecken. Ich fürchte ihn immer weniger. Nach meinem Empfinden sollte jeder ernsthaft über Selbstmord nachdenken. Ja, nicht nur über seinen Tod, sondern auch über seinen Selbstmord, also die Übernahme der Verantwortung dieses Schrittes aller Schritte. Das wirkt tiefer und man erlebt die oben beschriebene "Einladung zum Sterben" intensiver, besonders in Lebenskrisen. Durchführen darf man einen Selbstmord nach meiner Überzeugung nicht, er wäre eine Kapitulation und nimmt mir die Chance, das zu erleben, was ich in diesem Leben erfahren will. Ich glaube an Leben nach dem Tod, eine friedvolle Erfahrung im Tod mit dem Gefühl grenzenloser Liebe, eine ewige Existenz meiner Seele und einer Integration aller Seelen in einer Weltseele, besser Universumseele oder sogar Seele aller Universen im Alles-was-ist, was für mich Gott entspricht.

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