1. Der Tod - Exkurs Psychoanalyse

Übersicht     zurück     

Siegmund Freud

Sigmund Freud 1856-1939,
www.wikipedia.org

Nach Freud besteht die Psyche aus Ich, Über-Ich und Es.

Verdrängung
= Vergessen aus Angst. Unlustvolle Impulse aus dem Es oder Normzwänge aus dem Über-Ich werden von dem Ich in das Unbewusste verdrängt.

Ich
Bewusste Orientierung und Kontrolle der Persönlichkeit.
Vermittelt zwischen Über-Ich und Es, sucht Einklang.
Hat bewusste Funktionen: Wahrnehmung, Erinnerung, Denken, Planen und Lernen und unbewusste Funktionen: Abwehrmechanismen.
Die Ich-Stärke entwickelt sich in den ersten 20 Lebensjahren, nach meiner Überzeugung bringt jeder sehr viel Ich mit auf die Welt.

Über-Ich
Verinnerlichung der sozialen Normen, Moral, Selbstkritik, Reue, Anerkennung.
Entwicklung in Kindheit durch Steuerung mit Bestrafung und Liebesentzug. Das Kind soll die gesellschaftlichen/kulturellen Normen übernehmen.
Das ist die äußere Form, die uns Familie und Gesellschaft geben will.
Wichtig dabei sind die ödipalen Triebwünsche.
Im höheren Alter kommen Einflüsse durch Vorbilder, Religion, weitere Kulturen hinzu.
Das Über-Ich trägt zu Neurosen bei durch Selbstvorwürfe (z.B. Minderwertigkeitskomplex), Schuldgefühle (z.B. Zwangsneurose) oder unbewusste Selbstbestrafung.

Es
Unbewusste Antriebe, Triebe. Der bewussten Kontrolle entzogen.
Selbsterhaltung (Angriff, Flucht, Ruhe – Sympathikus/Parasympathikus),
Arterhaltung (Sex).
Das sind die tiefsten ursprünglichen Triebe in uns, das Tier in uns.

Selbst
Bewusstes und unbewusstes Wissen einer Person, wer sie zu sein glaubt. Etwa synonym: Persönlichkeit. Kulturabhängig! Für Freud praktisch dem Ich gleich.

Der Begriff wurde 1928 von C.G. Jung eingeführt. Das Ich ist der bewusste Akteur, das Selbst "die Person im Übrigen". Das Selbst ist die Summe geistiger und körperlicher eigener und kultureller Erfahrungen, es steuert das Ich (B. Libet).
Das ist die Kraft in uns, die spontan entscheidet, aus der ganzen Bandbreite (bewusst und unbewusst) und Tiefe unserer Psyche (z.B.: Man mag jemanden spontan, oder nicht – ohne objektive Erklärung). Das Selbst hat das Ziel der Reifung einer Persönlichkeit, einer Selbstverwirklichung. Störungen der Kontinuität des Selbst führen zu schweren psychischen Erkrankungen.

Später unterschied Jung zwischen dem persönlichen Unbewussten oder den unterdrückten Gefühlen und Gedanken, die ein Mensch während seines Lebens ansammelt, und dem kollektiven Unbewussten oder jenen überlieferten Gefühlen, Gedanken und Erinnerungen, die der ganzen Menschheit gemein sind. Das kollektive Unbewusste besteht nach Jung aus sogenannten Archetypen oder Urbildern. Diese entsprechen Ereignissen wie der Konfrontation mit dem Tod oder der Wahl eines Partners und manifestieren sich symbolisch in Religionen, Mythen, Märchen und Fantasien.

Jungs therapeutischer Ansatz zielte auf eine Ganzheit des Selbst durch Integration der Gegensätze:

introvertiert         - extrovertiert

Wahrnehmung - Intuition

Gefühl                - Denken

Später sieht Jung das Selbst als eine Fiktion an, "das Uneinssein mit sich selbst ist ein Kennzeichen des Kulturmenschen".

Selbstverwirklichung
Ein kurioser Begriff. Danach ist keiner er selbst, sondern erst, wenn er sich (selbst) "verwirklicht" hat. Beim Ich oder Es wird eine Verwirklichung nicht gefordert. Ferner ist die sprachliche Analyse bemerkenswert: Verwirken, das Selbst verwirkt sich. Wenn sich alle selbst verwirklichen, erhalten wir Anarchie. Selbstverwirklichung als egozentrisches Ideal wie bei Hitler, Stalin oder Kaiser Commodus gefährdet jede Gesellschaft und jede Partnerschaft, in den Dienst der Menschheit gestellt wie bei Gandhi oder Mutter Theresa verbessert sie die Welt. Für mich klingt es besser, wenn ich Selbst und Seele gleichsetze und statt Selbstverwirklichung Entdeckung und Entwicklung meiner Seele setze.

Trotz Verdrängung wird man immer wieder an den Tod erinnert. Verwandte oder Bekannte sterben, unser Hund stirbt, im Fernsehkrimi wird jemand umgebracht ... Wenn man sich mit diesem Thema nicht auseinandersetzt, dann muss das Bewusste den Gedanken aus dem Unbewussten stetig abwehren. Das kann zu der naiven Einstellung führen: Die anderen sterben, ich nicht.

Dieser unlogische Abwehrprozess beeinflusst unsere gesamte Psyche negativ, belastet uns in Träumen und kann zu allgemeiner Angst, Schuldgefühlen und Aggression führen. Man ist in seiner Persönlichkeit nicht mehr stimmig. Es kann zu Depressionen und anderen Neurosen kommen.

Die Reintegration des Unbewussten lässt die Symptome verschwinden und führt uns zu einer neuen Einstellung, die uns ein positives Selbstbild bringen kann. Wenn das unangenehme Verdrängte angeschaut und verarbeitet wird, dann kann ich es loslassen und bejahen. Der in das Unbewusste verdrängte Tod muss also aktiv in unser Bewusstes wieder hervorgeholt werden. Die Beschäftigung mit dem Thema Tod, z.B. in diesem Aufsatz, trägt zur Aufnahme in unser Bewusstes bei. Wir können unseren Tod wie ein externer Beobachter ansehen, akzeptieren und eine positive Lebenseinstellung bekommen mit einer stimmigen, in sich ruhenden Persönlichkeit. Diese Beschäftigung ist ein stetiger Prozess.

In unserer Kultur treffen wir meist auf zwei Ansichten über den Tod:

  1. Du bist tot und hast ein ewiges und nach christlicher Auffassung auch angenehmes Weiterleben, wenn Du ein guter Mensch warst. Oder:
  2. Du bist tot und alles ist vorbei, d.h. Du spürst nichts mehr, kein Leiden, einfach Ende.

Bei beiden Alternativen also ein unproblematisches Ende irdischen Lebens.

Sokrates

www.wikipedia.org,
Copy of Lysipos

Sokrates:

Denn niemand kennt den Tod
und niemand weiß,
ob er für den Menschen
nicht das allergrößte Glück ist!

 

Schopenhauer

Artur Schopenhauer,
www.wikipedia.org

Artur Schopenhauer:

Für uns ist und bleibt der Tod ein Negatives –
Das Aufhören des Lebens.
Allein er muss auch eine positive Seite haben,
die jedoch uns verdeckt bleibt,
weil unser Verstand durchaus unfähig ist,
sie zu erfassen.
Daher erkennen wir wohl,
was wir durch den Tod verlieren,
aber nicht, was wir durch ihn gewinnen.
Wir schaudern vor dem Tod vielleicht hauptsächlich,
weil er dasteht als die Finsternis,
aus der wir einst hervorgetreten sind
und in die wir nun zurück sollen.
Aber ich glaube, dass, wenn der Tod unsre Augen schließt,
wir in einem Licht stehen,
von welchem unser Sonnenlicht nur der Schatten ist.

Viele religiöse und andere spirituelle Menschen glauben an ein Leben nach dem Tod und sehen ihn als großes Glück an. Einige glauben, dass man zur weiteren Entwicklung seiner Persönlichkeit wieder in das irdische Leben zurückkommt mit all seinen unliebsamen Zwängen.

Auch der Buddhismus und Hinduismus haben die Überzeugung der Wiedergeburt. Man kehrt sehr viele Male wieder in ein irdisches Leben zurück, um seine Seele weiter zu vervollkommnen und letztendlich ein Buddha zu werden, ein leidfreies erleuchtetes Wesen, das alle Erfahrungen gemacht hat, die Menschen erfahren können. Eine wissenschaftliche Langzeitstudie von Ian Stevenson legt Wiedergeburten sehr nahe in dem Buch "Reinkarnation. Der Mensch im Wandel von Tod und Wiedergeburt", Aurum Verlag 1993. Er hat über 1000 solcher Fälle gesammelt und 300 Fälle selbst über Jahre weltweit recherchiert. Er findet sehr Vieles, was für Wiedergeburt spricht. Nach der Bibel gibt es keine Wiedergeburt, sondern nur endgültig Himmel oder Hölle. Es gibt aber Hinweise, dass in der Bibel ursprünglich auch über Wiedergeburt berichtet wurde und später wieder gestrichen wurde.

Dharmakirti, ein indischer Buddhist, erklärt den praktischen Ablauf einer Reinkarnation so: Bewusstsein und Materie können niemals substanzielle Ursache füreinander sein. Das Bewusstsein eines neugeborenen Kindes basiert auf einem vorausgegangenen Moment eines geistig aktiven Momentes, also eines Bewusstseinszustandes. Da Materie und Bewusstsein völlig verschiedener Natur sind, muss dem ersten Bewusstseinsmoment eines Neugeborenen als Ursache ein Bewusstseinszustand vorausgehen. (aus: Die Welt in einem einzigen Atom, Theseus-Verlag, Dalai Lama)

Johann Wolfgang von Goethe:
Mich lässt der Gedanke an den Tod in völliger Ruhe, denn ich habe die feste Überzeugung, dass unser Geist ein Wesen ist ganz unzerstörbarer Natur, es ist ein Fortbestehendes von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Eine schöne Darstellung kommt von N. D. Walsch aus den drei Büchern "Gespräche mit Gott": Das Leben ist ein Schöpfungsprozess, keine Schule, keine Prüfung, keine Bewährungsprobe, keine Vorbereitung auf den Tod. Ich muss nichts tun im Leben. Ich kann, aber ich muss nicht. Wir kommen in dieses irdische Leben aus einem einzigen Grund, damit unsere Seele erfahren kann. Wir wissen von Anfang an alles, haben es aber vergessen und brauchen uns nur zu erinnern. Die Seele will nun aber nicht nur erinnern und theoretisch wissen, wie der Geist, sondern leib-haftig erfahren. Die Seele will alle menschlichen Gefühle, die es gibt, selbst erfahren. Deshalb sollen wir Krisen willkommen heißen, denn sie bringen uns in unserer Entwicklung weiter. Sie sensibilisieren uns für das Wesentliche. Dies geschieht in Hunderten von Leben, Im Tod wechseln wir nur die Form und reinkarnieren in einen neuen Körper – wenn wir möchten. Wir haben stets bei allem die freie Wahl. Das Endresultat des Lebens steht grundsätzlich immer fest, keiner kann verlieren. Es geht für alle gut aus. Alle erfahren alles bis zum Alles-was-ist, manche früher, manche später – obwohl, "früher" und "später" gibt es vielleicht gar nicht, aber dazu später mehr. Nach diesen Überlegungen braucht man keine Angst vor dem Tod zu haben.

Bremer StadtmusikantenDie Bremer Stadtmusikanten sehen das anders:

"Etwas Besseres als den Tod werden wir überall finden!", sagte der Esel und ging mit den anderen.

 

 

 

Aus Sicht der Evolution ist der Tod zwingend notwendig. Ohne ihn ist geistige und körperliche Entwicklung erschwert. Die Gestrigen würden den Neugeborenen nicht nur den Platz wegnehmen.

Körper Ich komm, – weiß nit, woher.
Ich geh, – weiß nit, wohin.
Mich wundert, dass ich fröhlich bin.

Martinus von Biberach

Ich komm, – weiß wohl, woher.
Ich geh, – weiß wohl, wohin.
Mich wundert, dass ich traurig bin.

Martin Luther

Familie und Glauben sind die Quellen der Geborgenheit,
des Haltes in diesem Leben.
Aller Sinn des Lebens ist erfüllt,
Fragezeichen wo Liebe ist.

Dr. Heinrich Gärtner

Cartoon

 

Wo kommen wir her, wo gehen wir hin?

Tod bedeutet nicht zwangsläufig, dass das Leben überhaupt, sondern dass es in dieser Form zu Ende ist. Der Tod ist eine Grenze, aber er existiert nicht "an sich". Er ist abhängig von der Vorstellung, die ich mir von ihm mache, diese wiederum ist geprägt von der Kultur, in der ich lebe, und von meinem religiösen Glauben.

Alles, was wir materiell erwerben, ist uns geliehen, wie wir es im "Jedermann" in Salzburg 2004 hörten und wir sollten damit schonend umgehen. Es sind Ressourcen für alle Generationen vor und nach uns. Spätestens im Angesicht des Todes erkennen wir, dass wir alles Materielle zurücklassen und an die Nächsten weitergeben. Aber unsere Seele mit unseren Erfahrungen, Ideen und Visionen nehmen wir mit und hinterlassen auch Spuren als zusätzliches Angebot an die Nachfahren. Ob Einstein ein oder 20 Autos hatte, ob er Millionär oder arm war, spielt für uns heute keine Rolle. Aber seine Berechnungen und Visionen beeinflussen uns noch heute. Auf der anderen Seite z.B. reiche Geschäftsleute, Politiker oder Playboys haben zu Lebzeiten Geld, Besitz und Macht, aber sie hinterlassen uns Leere und verbrauchen unsere Ressourcen.

In diese Richtung zielt auch eine alte Indianerweisheit:
Erst wenn der letzte Baum gefallen und der letzte Fisch gefangen ist, werden wir erkennen, dass wir Geld nicht essen können.

Was ist gewiss im Moment unserer Geburt? Nur der Tod! Weitere Gewissheiten existieren in einer materiellen Welt nicht. Gewissheit kann man nur für sich selbst als subjektive "letzte Wahrheit" erfahren. Für mich ist ein Weiterleben nach dem Tod eine Gewissheit.

Gleichnis von Hans-Peter Dürr:

Wenn ich ein Gedicht zerstöre (=Tod), indem ich das Papier, auf dem es steht, zerreiße, dann vergeht das Papier (=Materie), aber das Gedicht (=Geist, Seele) bleibt.
Das Gedicht war nicht sinnlos.
Es kann unendlich lange bestehen.

Der Tod ist ein Teil unseres Lebens und hat nichts Befremdliches an sich, jeder muss durch dieses Tor gehen. Zum Zeitpunkt des Todes ist es nützlich, einen ruhigen Geist zu besitzen, egal ob es ein Leben nach dem Tod gibt oder nicht. Der Geist wird ruhig, wenn wir Erfahrungen gemacht haben, die uns innere Kraft geben. Diese können wir nur selbst entwickeln, unabhängig von Göttern oder Meistern (14. Dalai Lama, Die vier edlen Wahrheiten).

Übersicht     zurück